Ein Erfahrungsbericht aus meiner Werkstatt
mit klaren Handlungsempfehlungen und Quellen in den Fußnoten.
Vor einige Zeit stand ich an einem Klavier, wo mir beim Öffnen ein blumiger Duft entgegen stieg.
Die Ursache: Mottenpapier, getränkt mit Geraniol, aufgelegt auf den Gussrahmen und dem empfindlichen Stimmstock.
Durch das unpräzise Marketing der Mottenpapier-Firmen, war der Kundin nicht bewusst, dass sich der Inhalt des Produkts komplett verändert hatte!
Die Folge: Der Hammerschlaglack am Metallrahmen war angelöst und bildete reliefartige Strukturen.
An einer mit Filz abgedeckten Holzstelle hatte das Öl begonnen, in den Stimmstock einzuziehen und die Stimmwirbel wurden „geölt“.
Was hat sich am Mottenpapier seit 2025 geändert?
Früher war „Mottenpapier“ fast immer ein trockenes Biozidprodukt (z. B. mit Transfluthrin oder Empenthrin) – also ein Mittel, das Schädlinge bekämpft.
Durch die neue Verordnung müssen Interessierte vor dem Kauf eine Belehrung von speziell geschultem Fachpersonal über sich ergehen lassen. Diese Schulung und die gesamte Handhabe ist im Handel sowie Versandhandel schwer kostentragend abzubilden.
Viele Handelsketten weichen deshalb – aus Rechts-, Haftungs- und Kostengründen – auf duftölgetränkte Papiere aus. Diese „neuen Mottenpapiere“ setzen statt Insektiziden auf Geraniol (ein Duft-/Repellentstoff) und werden teils als „naturnahe Alternative“ platziert.³ Parallel gibt es weiterhin „echtes“ Mottenpapier mit Transfluthrin (PT18, Insektizid) – erkennbar an Wirkstoffangaben und Zulassungsnummer.⁴
Der Preis vom altbewährten Mottenpapier hat sich dadurch in kurzer Zeit vervielfacht.
Warum ist „echtes“ Mottenpapier teurer?
Kurz: Zulassung + Pflichten. Biozide erfordern ein umfangreiches Zulassungsverfahren (national oder EU-weit) mit Gebühren bei Behörden und ECHA; außerdem fallen jährliche Gebühren und anhaltende Compliance-Aufwände an – das ist teuer und schlägt sich im Endpreis nieder.⁵ ⁶ ⁷
Geraniol: was das Duftöl im Klavier anrichten kann
- Mobil & kriechfähig: Geraniol ist ein monoterpenoider Alkohol mit geringer Wasserlöslichkeit und niedriger Viskosität (≈ 8–9 mPa·s bei 20 °C). Es bildet dünne Filme, wandert über Kapillaren und Kanten.⁸ ⁹
- Im Holz nicht fixiert: In Laborversuchen an Weichholz drang Geraniol ins Holz ein – und leachte beim Spülen sogar vollständig wieder aus (100 % nach Dip-Behandlung). Das belegt hohe Mobilität: Wo es hinkommt, bleibt es nicht zwangsläufig dort, sondern verteilt sich.¹⁰
- Lack-Risiken:
- Hammerschlag-/Alkydlacke (wie oft am Gussrahmen) besitzen nur begrenzte Lösemittel-/Chemikalienbeständigkeit. Terpenhaltige Medien können solche Filme quellen oder anlösen → matte Flecken, Fingerabdrücke, weiche Zonen.¹¹
- Polyester-Hochglanz (Außenflächen moderner Klaviere) ist sehr lösemittelresistent; hier entstehen meist Schlieren/Filme, die sich polieren lassen.¹²
- Nitrocelluloselacke (bei älteren Instrumenten/Möbeln) sind lösungsmittel-empfindlich – organische Lösemittel können den Film wieder anlösen.¹³
Fazit: Duftöl ist nicht harmlos im Instrument. Es darf nirgends aufliegen – schon gar nicht auf Lack, Filz oder offenem Holz.
Praxis: So setzen Sie Mottenpapier richtig ein (Klavier/Flügel)
Kurzfassung vorweg: Ein Streifen. Freihängend. Ohne Kontakt zu Oberflächen. Alle drei Monate wechseln.
- Produktwahl bewusst treffen
- Biozidisches „echtes“ Mottenpapier (z. B. mit Transfluthrin) wirkt bekämpfend. Achten Sie auf Wirkstoffangabe und Zulassungsnummer auf der Packung.⁴
- Geraniol-Papier wirkt eher vergrämend (Repellent) und ist kein Ersatz für eine Befallsbekämpfung.³
- Menge & Rhythmus
- Maximal 1 Streifen pro Instrument.
- Wechsel alle 3 Monate (oder gemäß Packung). Keine Dauerbeduftung.
- Platzierung – die wichtigste Regel
- Niemals auflegen! Der Streifen soll nichts berühren (weder Lack, Holz, Filz noch Metall).
- Freihängend an Faden montieren (z. B. am Metallrahmen) und so führen, dass das Plättchen frei schwebt – Abstand zu Saiten, Dämpfern, Mechanik einhalten.
- Keine „Vorratspakete“ im Instrument deponieren. Ganze Packungen geben massiv Duft ab und erhöhen das Risiko für Lack-/Holzschäden.
- Sicht- und Geruchskontrolle
- Bei Geruchszunahme, Schlieren oder klebrig-matten Stellen: Streifen sofort entfernen, Instrument offen ablüften lassen, betroffene Flächen nur mild (pH-neutrale Seifenlösung, mikrofeucht) reinigen – keine Alkohol-/Zitrus- oder „Natur-Reiniger“.¹¹ ¹² ¹³
- Bei Befall statt Prävention
- Bei sichtbarem Larven-/Mottenbefall: gezielt biozides Papier mit nachweisbarem Wirkstoff einsetzen (Gebrauchsanweisung beachten) oder fachgerecht behandeln lassen.⁴
Warum ich aufhänge statt auflege – und was ich schon gesehen habe
Im geschilderten Fall hatte das aufgelegte Geraniol-Papier zwei Dinge bewirkt: (1) angelösten Hammerschlaglack am Rahmen und (2) lokale Ölaufnahme in eine mit Filz kaschierte Holzpartie – beides völlig vermeidbar. Die Chemie dahinter ist unspektakulär, aber entscheidend: Terpenalkohole haben hinreichende Lösekraft für Alkydnetze und sind mobil im Holz – sie wandern und können an unerwarteten Stellen Schaden anrichten.¹⁰ ¹¹
FAQ (aus Kundengesprächen)
- „Darf der Streifen innen am Deckel kleben?“ – Nein. Nur freihängend.
- „Ein Streifen reicht?“ – Ja. Mehr erhöht nur die Duftlast und das Risiko, ohne Mehrnutzen.
- „Wie merke ich Lackschäden?“ – Frühzeichen sind Glanzbruch, Schlieren, weiche oder klebrig wirkende Zonen. Sofort entfernen, ablüften lassen.¹¹–¹³
- „Ist Geraniol ‚ungefährlich‘?“ – Als Duftstoff bekannt, aber im Instrument materialkritisch (siehe oben) und mobil.⁸–¹¹
Fußnoten / Quellen
- EU-Biozidverordnung 528/2012: Zulassungspflicht und Grundregeln. EUR-Lex
- EuGH 20.06.2024: Strenge Werbevorgaben für Biozide (keine verharmlosenden Claims). AP News+1
- Beispiel Geraniol-Mottenpapier im Handel (Produktbeschreibung). dm-drogerie markt
- Beispiele „echtes“ Mottenpapier mit Transfluthrin inkl. Zulassungsangaben (PT18). oleanderhof-nunsdorf.de+4oleandershop.de+4AvivaMed+4
- Kostenrahmen/Gebühren für Biozid-Zulassung & jährliche Gebühren (ECHA/Behörden). eng.mst.dk+3ECHA+3ECHA+3
- Übersicht zu Kostenpositionen/Budgetierung bei Bioziden (Branchenartikel). ecomundo.eu
- Beispielhafte Gebührenhöhe (Beitrag/Präsentation; teils hohe Summen je Produktfamilie). Steptoe+1
- Geraniol-Eigenschaften (Viskosität, Log Kow, geringe Wasserlöslichkeit) aus Sicherheitsdatenblättern. download.basf.com+1
- ECHA-Stoffinfo (Verwendung u. a. in Reinigern/Polituren; Duft-/Repellent-Kontext). ECHA
- US Forest Service (FPL): Geraniol dringt ins Holz ein; nach Dip-Behandlung 100 % bei Leach-Test ausgelaugt → hohe Mobilität. fpl.fs.usda.gov
- Alkyd-/Hammerschlaglack: nur begrenzte Chemikalien-/Lösemittelbeständigkeit (Technische Datenblätter). international.brand.akzonobel.com+1
- Polyester-Klavierfinish: sehr lösemittelresistent (Branchenartikel Piano Buyer). Piano Buyer
- Nitrocelluloselacke: löslich in organischen Lösemitteln (evaporatives System). Wikipedia